MAUERFALL (in German)

Gorbatschow, Gauck, Merkel, alle sind da!
Sie sitzen auf der Ehrentribüne.
Vor mir, das Brandenburger Tor.

Eine 15km lange Lichterkette mit Luftballons läuft hier entlang quer durch die Stadt.
Meine Mutter und ich, wir sind die ganzen 15km abgelaufen, bis hierher zum Brandenburger Tor.
Und jetzt steigen die Ballons hoch in die Luft.
Genau in diesem Moment spüre ich etwas ganz Besonderes.

Der 9. November 2014, der 25. Jahrestag des Mauerfalls.
Ein ganz besonderer Tag in meinem Leben.

Um das zu verstehen, lade ich Euch ein, mit mir eine Wanderung durch mein Leben zu machen.

Ich bin in La Paz, Bolivien geboren.
Hier verbringe ich die erste Etappe meines Lebens.
Die Stadt liegt 3600m über dem Meeresspiegel.
Besucher haben am ersten Tag Schwierigkeiten mit der Atmung, was ich verstehe, denn La Paz ist, atemberaubend.
Armut, Hunger, Analphabetismus, ein Teil der Realität Boliviens.
Anderseits gehört Bolivien zu den Ländern mit der reichsten und vielfältigsten Natur der Welt.
Es gibt alles: von Hochgebirge, über Salzwüsten, bis zum tropische Regionen.
Ihr müsst unbedingt nach Bolivien reisen!

Vor sieben Jahren bin ich nach Deutschland gekommen.

Meine zweite Lebensetappe beginnt hier in Berlin.
Mir fehlt Bolivien anfangs sehr.
Ich frage meine Mutter ständig nach bolivianischem Essen.
Hier in Berlin, unglaublich!
Ich habe soviel Deutsch in der Schule gelernt, aber jetzt kann ich noch nicht einmal einen Döner bestellen.
Obwohl ich deutsche Vorfahren habe, fühle ich:
„Das Einzige, was an mir deutsch ist, ist nur mein Pass.“

Ich gebe aber nicht auf und beginne, in Göttingen zu studieren.

Meine dritte Etappe.
Göttingen ist eine kleine niedliche Stadt im Herzen Deutschlands.
Alles läuft rund um die Uni.
Ich lerne so viele Freunde kennen. Wie Sascha, Danilo und Lukas.
Sie alle helfen mir, mich einzudeutschen:
Deutsche Geschichte, Kultur und vor allem – Biertrinken.
Ich fliege sogar nach Mallorca, zum Ballermann.
Ja, ich will unbedingt richtig deutsch werden!
Mein Deutsch wird tatsächlich immer besser.

Trotzdem fehlt mir etwas.
Diese Energie und Bewegung, die es nur in Berlin gibt.

Ich entscheide mich deshalb, nach zwei Jahren zurück nach Berlin zu kommen.

Meine vierte Etappe beginnt.
Zurück in Berlin ist alles anders.
Ich bin jetzt selbständiger, reifer, kein Muttersöhnchen mehr.
Ich will alles entdecken.
Ich gehe in die Oper, Theater, Museen.
Ich beobachte, atme und genieße die Stadt.

Als ich am 9. November 2014, dem Jubiläum des Mauerfalls, mit meiner Mutter die Lichtergrenze ablaufe, reden wir über mein Leben. Bolivien, Göttingen, Berlin.

Als wir am Brandenburger Tor ankommen, fühle ich mich plötzlich anders, ein besonderes, neues Gefühl.

Als ich die Bilder der Ausstellung von der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs,
Dem Mauerbau und letztlich dieses wundervollen Ereignisses des Mauerfalls sehe. Spüre ich zum allerersten Mal – Mitgefühl.
Ein Gefühl der Trauer und Freude.
Genau dann erklingt Beethovens Ode an die Freude.
Die Ballons steigen hoch in die Luft.
Ich fühle mich glücklich, geschützt, berührt.
Ich bin zu Hause.

Seit diesem Moment fühle ich mich als Deutscher.
Es ist nicht nur die Geschichte der Deutschen, sondern auch meine Geschichte geworden.
Ich verstehe jetzt, was „Mut zur Freiheit“ bedeutet.

Bolivien wird immer mein Mutterland bleiben, aber Deutschland ist mein Vaterland geworden.
So, wie ich jetzt auch von Herzen sage:

„Ich… Ich bin ein Berliner!“

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